Loslassen, Abschied nehmen – und neue Wege finden

Ein Interview mit Sonja Leskowschek und Karin Gmeiner über Kinderwunsch, Kinderlosigkeit und das Projekt „Kinderlosfrei“.

Der unerfüllte Kinderwunsch ist für viele Frauen ein langer, oft einsamer Weg. Irgendwann taucht für manche die Frage auf: Was, wenn es letztendlich wirklich nicht klappt? Sonja Leskowschek, Sozialpädagogin und Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Kinderwunsch, begleitet Frauen in allen Phasen dieses Prozesses. Gemeinsam mit Karin Gmeiner, auch als Psychotherapeutin tätig, hat sie die Initiative Kinderlosfrei https://kinderlosfrei.at/ gegründet – einen Raum für Austausch, Vernetzung und neue Perspektiven.

 

Sonja, mit welchen Frauen arbeitest du in deiner Praxis?

Sonja: Es kommen Frauen mit ganz unterschiedlichen Anliegen. Manche sind noch mitten im Kinderwunsch, andere überlegen, ob und wie sie Abschied nehmen können. Manche begleite ich auch bis zu einer Schwangerschaft. Wichtig ist mir: Es gibt nicht den richtigen Weg – sondern den, der sich für die einzelne Frau stimmig anfühlt.

 

Wie ist aus diesem Thema die Gruppe „Kinderlosfrei“ entstanden?

Sonja: Eigentlich aus einem sehr persönlichen Gespräch. Ich habe Karin – nach guten, ethischen Richtlinien .-) – bei einem Kaffee gefragt, ob sie Kinder hat. Dabei haben wir festgestellt, dass wir beide keine Kinder haben.

Karin: Und dann haben wir gemerkt, wie wenig Räume es für Frauen ohne Kinder eigentlich gibt. Räume, in denen frau sich austauschen kann, ohne bewertet zu werden. Daraus entstand die Idee, eine Gruppe zu gründen – zum Vernetzen, zum Zuhören, zum Sichtbarmachen unterschiedlicher Lebensmodelle und Lebensverläufe.

Sonja: Am 15. November 2023 fand dann unser erstes Treffen statt.

 

An wen richtet sich „Kinderlosfrei“?

Karin: An Frauen ohne Kinder – unabhängig vom Grund. Manche hatten einen langen

Kinderwunsch, manche sind unentschieden, manche wollten nie Kinder.

Sonja: Wichtig ist die Bereitschaft, sich mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen.

Frauen, die noch sehr stark im aktiven Kinderwunsch sind und sich mit einem kinderlosen Leben gar nicht beschäftigen können oder wollen, merken manchmal, dass dieser Raum (noch) nicht der richtige für sie ist – und das ist völlig okay.

 

Wie laufen eure Treffen ab?

Karin: Sehr offen. Wir sitzen zusammen und sprechen über das, was uns gerade beschäftigt. Es gibt keinen festen Ablauf.

Sonja: Wir treffen uns einmal pro Quartal in unserer Praxisgemeinschaft. Diese Treffen sind meist intimer. Zwischendurch gibt es auch Gasthaustreffen oder gemeinsame Aktivitäten, zum Beispiel im Biergarten oder am Christkindlmarkt. Manchmal bringen wir Ideen ein, manchmal bleibt es ganz offen. Wir sind nicht als

Therapeutinnen da, sondern zum Austausch. Es ist auch Raum für Wut und traurige Themen, wir sind aber keine Selbsthilfegruppe.

 

Welche Themen kommen bei euch zur Sprache?

Sonja: Vieles dreht sich um Beziehungen: Um Familie, um Freundschaften, die zerbrechen, weil Lebenswege auseinandergehen. Um Erwartungen von außen und auch innen. Um Sätze, die man sich als kinderlose Frau anhören muss.

Karin: Der Fokus liegt weniger auf dem Kinderwunsch selbst, sondern auf dem Leben ohne Kinder – und darauf, wie dieses Leben gut gelingen kann.

Sonja: Wir haben (schon) auch Frauen dabei, die traurig sind, weil sie keine Kinder haben. Trauer hat bei uns Platz, wenn sie auftaucht. Aber wir treffen uns nicht ausschließlich um darüber zu sprechen. Viele wollen auch gar keine Kinder. Es geht um den Blick in die Zukunft, um Mut, um neue Perspektiven.

Karin: Manchmal wird unsere Gruppe falsch verstanden. Wir wollen Frauen keineswegs davon abhalten, Kinder zu bekommen. Ganz im Gegenteil: Wer Kinder möchte, soll diesen Weg gehen.

Sonja: Unser Anliegen ist, dass Frauen frei entscheiden können – auch dann, wenn sie

unentschieden sind oder Abschied nehmen müssen. Ein kinderloses Leben muss eine gute, wertvolle Alternative sein. Nicht ein persönlicher Makel, der erklärt oder gerechtfertigt werden muss.

 

Wird der Kinderwunsch gesellschaftlich anders bewertet als Kinderlosigkeit?

Karin: Absolut. Der Kinderwunsch gilt als „normal“ und wird kaum hinterfragt. Der Nicht-Kinderwunsch dagegen ständig.

Sonja: Dabei wäre es oft heilsam, beide Seiten zu beleuchten. Zu fragen: Was steckt hinter meinem Wunsch? Und genauso: Was bedeutet es für mich, wenn ich keine Kinder habe? Wir wollen den Frauen, die keine Kinder haben, ein Netzwerk schaffen, eine Gruppe. Wir wollen uns verbinden, austauschen und stärken – egal warum wir keine Kinder haben!

 

Gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land?

Karin: In der Stadt treffe ich auf mehr Frauen, die keine Kinder haben. Ich erlebe es so, dass hier Kinderlosigkeit sichtbarer ist und oft offener thematisiert wird. Die Frage Möchte ich Kinder? gibt es aber oft gar nicht, sondern Wann möchte ich Kinder?

Sonja: Es gibt ein Ost-West Gefälle und ein Stadt-Land Gefälle. Trotzdem ist selbst in

Städten wie Wien das Ideal von Muttersein sehr präsent. Dieses Spannungsfeld erleben viele Frauen als belastend.

Karin: Ein möglicher Grund, wieso man in der Stadt auf mehr kinderlose Frauen trifft,

könnte sein, dass viele Familien wegen der Kinder aus der Stadt wegziehen.

 

Wie können Frauen bei euch teilnehmen?

Sonja: Die Treffen in den Praxisräumen oder im Gasthaus sind kostenlos. Zusätzlich

bieten wir Workshops mit therapeutischem Charakter an, die kostenpflichtig sind.

Karin: Es gibt auch eine WhatsApp-Gruppe, aber nur für Frauen, die schon persönlich an einem Treffen teilgenommen haben. Der geschützte Rahmen ist uns sehr wichtig.

Sonja: Zusätzlich denken wir auch über ein Online-Format nach, wir planen eine Online-Gruppe.

 

Was wünscht ihr euch für Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch?

Sonja: Mehr Wahlmöglichkeiten. Wenn es mehrere gesellschaftlich akzeptierte

Lebensentwürfe gibt, wird der Druck geringer.

Karin: Und mehr Mitgefühl – von außen, aber auch mit sich selbst.

 

Weitere Informationen, Termine und Workshops:  www.kinderlosfrei.at

 

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