Loslassen, Abschied nehmen – und neue Wege finden
Was passiert mit Embryonen, die nicht mehr gebraucht werden?
Im IVF-Labor liegen sie in flüssigem Stickstoff. Winzig klein – und für die Menschen, aus deren Kinderwunsch sie entstanden sind, von großer Bedeutung. Doch was passiert, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist?
„Was passiert eigentlich mit unseren übrigen Embryonen?“
Diese Frage hören wir im IVF-Labor regelmäßig. Und in Österreich ist die Antwort für viele Paare unbefriedigend.
Ein kurzer Blick ins IVF-Labor
Bei einer IVF werden Eizellen außerhalb des Körpers mit Samenzellen zusammengebracht. Entwickeln sich daraus Embryonen, werden sie im Labor mehrere Tage beobachtet und kultiviert.
Nicht immer werden alle Embryonen unmittelbar transferiert. Gut entwickelte Embryonen können kryokonserviert, also eingefroren, und zu einem späteren Zeitpunkt für einen weiteren Transfer verwendet werden.
Für viele Paare ist das eine wichtige zusätzliche Chance: Wenn der erste Transfer nicht erfolgreich ist oder später noch ein Kinderwunsch besteht, kann ein eingefrorener Embryo aufgetaut und transferiert werden.
Doch irgendwann ist die Familienplanung bei manchen Paaren abgeschlossen.
Und dann?
Wenn keine weiteren Kinder geplant sind
Vielleicht ist das gewünschte Kind bereits geboren. Vielleicht hat sich die Familie vergrößert. Weitere Transfers sind nicht mehr geplant – im IVF-Labor befinden sich aber noch Embryonen.
In Österreich sind die Möglichkeiten in dieser Situation gesetzlich stark eingeschränkt. Eine Weitergabe an ein anderes Paar ist derzeit nicht vorgesehen. Auch eine Verwendung für Forschungszwecke ist nicht einfach möglich. Embryonen können unter den gesetzlichen Voraussetzungen für eine spätere eigene Behandlung aufbewahrt werden; danach müssen sie verworfen werden.
Für viele Paare ist das schwer verständlich.
Denn in anderen Ländern gibt es Modelle, bei denen Embryonen unter bestimmten Voraussetzungen an andere Paare gespendet werden können. Auch eine Verwendung für wissenschaftliche Forschung ist teilweise möglich.
Warum ist das in Österreich nicht möglich?
Das ist eine Frage, die weit über die Medizin hinausgeht.
Sie berührt den Schutz von Embryonen, die Selbstbestimmung der Eltern, medizinische Forschung und die Frage, wie wir als Gesellschaft mit Embryonen umgehen möchten, die nicht mehr für die ursprüngliche Familienplanung benötigt werden.
Dabei sind in Österreich Samen- und Eizellspenden unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Es können also Embryonen entstehen, bei denen bereits die Keimzellen von Spender:innen stammen.
Warum ist die Spende eines bereits entstandenen Embryos an ein anderes Paar trotzdem nicht möglich?
Ich finde, diese Frage verdient eine offene gesellschaftliche Diskussion.
Eine persönliche Perspektive
Als Embryologin erlebe ich jeden Tag, wie viel medizinischer und persönlicher Aufwand hinter einer Kinderwunschbehandlung steckt.
Im Labor beurteilen wir die Entwicklung der Embryonen, dokumentieren sie und begleiten ihre weitere Behandlung. Wissenschaftlich betrachtet sind sie mikroskopisch klein. Für die Patient:innen sind sie jedoch mit einer ganz persönlichen Geschichte verbunden.
Deshalb frage ich mich:
Was wäre, wenn Paare selbst entscheiden könnten, was mit ihren nicht mehr benötigten Embryonen geschieht?
Nicht jedes Paar würde sich für eine Spende entscheiden – und das müsste auch niemand.
Aber vielleicht gäbe es Paare, die ihre Embryonen anderen Menschen zur Familiengründung zur Verfügung stellen möchten. Andere könnten sich eine Verwendung für wissenschaftliche Forschung vorstellen.
Unter klaren gesetzlichen und ethischen Rahmenbedingungen könnte eine solche Möglichkeit freiwillig bleiben.
Eine Diskussion, die wir führen sollten
Die Reproduktionsmedizin hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm weiterentwickelt. Wir können heute Embryonen über viele Jahre kryokonservieren und zu einem späteren Zeitpunkt wieder verwenden.
Vielleicht sollten wir deshalb auch darüber sprechen, ob die rechtlichen Möglichkeiten mit dieser medizinischen Entwicklung Schritt halten.
Was soll mit Embryonen geschehen, die nicht mehr für die ursprüngliche Familienplanung benötigt werden?
Ich habe darauf keine einfache Antwort.
Aber ich finde, wir sollten die Frage stellen dürfen.
Über die Autorin
Marion Martins ist Embryologin und seit mehreren Jahren in der Reproduktionsmedizin tätig. Nach ihrem Studium der Genetik und Molekularen Biologie arbeitete sie an einer großen Wiener Klinik. 2022 absolvierte sie ein Traineeship an einer Klinik in Boston. Seit 2022 ist sie in Tulln an der Donau tätig.

