Kinderwunsch und Beruf / fertility @work

Kinderwunsch und Beruf: Muss die Karriere warten, bis sich der Kinderwunsch erfüllt?

European Fertility Week 2026 | Double Duty – Fertility@Work

Ein wichtiger Termin im Büro. Ein Anruf aus der Kinderwunschklinik. Eine Hormoninjektion, die genau jetzt stattfinden muss. Und dazwischen der Versuch, sich nichts anmerken zu lassen.

Für viele Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch ist das kein Ausnahmezustand, sondern Alltag.

Während im Berufsleben Konzentration, Verlässlichkeit und Leistung erwartet werden, verlangt eine Kinderwunschbehandlung oft genau das Gleiche: Zeit, Energie, Flexibilität und emotionale Stärke.

Zwei Lebenswelten, die gleichzeitig funktionieren sollen. Und eine Belastung, die am Arbeitsplatz häufig unsichtbar bleibt.

Jede sechste Person ist betroffen & viele stehen mitten im Berufsleben

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) erlebt etwa jede sechste erwachsene Person im Laufe ihres Lebens Unfruchtbarkeit. Allein in der Europäischen Union sind Millionen Menschen betroffen. Trotzdem wird über unerfüllten Kinderwunsch am Arbeitsplatz kaum gesprochen.

Dabei kann eine Kinderwunschbehandlung den Arbeitsalltag erheblich beeinflussen: kurzfristige Ultraschalltermine, Blutabnahmen, hormonelle Behandlungen, operative Eingriffe oder die Unsicherheit, wann eine Eizellentnahme oder ein Embryotransfer stattfinden wird.

Hinzu kommt die emotionale Belastung. Die Hoffnung auf einen positiven Schwangerschaftstest. Die Angst vor einem weiteren negativen Ergebnis. Vielleicht eine Fehlgeburt. Und am nächsten Morgen geht der Arbeitsalltag weiter, als wäre nichts gewesen.

Double Duty – die unsichtbare Doppelbelastung

Unter dem Motto „Double Duty – Fertility@Work“ widmet sich die European Fertility Week vom 2. bis 8. November 2026 genau dieser Herausforderung.

Die Initiative von Fertility Europe macht darauf aufmerksam, dass unerfüllter Kinderwunsch und Kinderwunschbehandlungen nicht ausschließlich Privatsache sind, wenn es um ihre Auswirkungen auf das Arbeitsleben geht.

Denn die Belastung betrifft nicht nur einzelne Arzttermine. Sie kann sich über Monate oder sogar Jahre erstrecken und Einfluss auf das psychische Wohlbefinden, die Arbeitsorganisation und die berufliche Entwicklung nehmen.

Manche Menschen erzählen offen von ihrer Behandlung. Andere erfinden Ausreden für Arzttermine, verbrauchen Urlaubstage oder versuchen, ihre Gefühle hinter einem professionellen Lächeln zu verbergen.

Beides muss respektiert werden. Niemand sollte gezwungen sein, seine persönliche Geschichte offenzulegen.

Aber niemand sollte sich verstecken müssen, um beruflich keine Nachteile zu riskieren.

Vier Jahre Kinderwunsch und das Leben dazwischen?

Eine Kinderwunschbehandlung ist nicht immer nach wenigen Monaten abgeschlossen. Manchmal werden aus Monaten Jahre. Jahre voller Hoffnung, Rückschläge, neuer Versuche und Ungewissheit. Doch was bedeutet das für die berufliche Zukunft?

Soll man Beförderungen ablehnen, Weiterbildungen verschieben oder Karrierepläne auf Eis legen für etwas, von dem niemand weiß, wann oder ob es gelingt?

Frau D. erzählt von ihrem über vierjährigen Kinderwunschweg. Während dieser Zeit wurde sie dreimal befördert und absolvierte mehrere berufliche Weiterbildungen. Ihr Arbeitgeber wusste nichts von ihren Kinderwunschbehandlungen.

Hinter dieser scheinbar erfolgreichen beruflichen Entwicklung verbarg sich jedoch eine ganz andere Realität: Die Rückkehr zur Arbeit unmittelbar nach Eizellentnahmen unter Sedierung und nach jedem Embryotransfer. Auch nach Fehlgeburtet begleitet von starken Blutungen gab es höchstens einen Urlaubstag danach. Zusätzlich begleitete sie die ständige Hoffnung, dass Untersuchungen und Behandlungen möglichst auf ohnehin freie Tage fallen würden.

In Österreich begründen Kinderwunschbehandlungen nicht automatisch einen Anspruch auf Krankenstand oder bezahlte Freistellung. Solange keine ärztlich festgestellte Arbeitsunfähigkeit vorliegt und keine andere Freistellungsmöglichkeit greift, müssen Betroffene ihre Termine häufig mit Urlaub, Zeitausgleich oder freien Tagen vereinbaren. 

Für Frau D. bedeutete das jahrelanges Organisieren, Planen und Funktionieren. Ohne die Unterstützung und das einspringen einer Arbeitskollegin (und gute Freundin) hätte sie dies unmöglich managen können. Selbst nach körperlich und emotional belastenden Erfahrungen ging sie wieder arbeiten.

Ihr Arbeitgeber konnte nichts ahnen. Nach außen übernahm sie Verantwortung, entwickelte sich beruflich weiter und ergriff neue Chancen. Was sie dafür im Hintergrund durchstehen musste, blieb unsichtbar.

Sie ist überzeugt: Hätte sie ihre Situation offengelegt, wären ihr diese berufliche Möglichkeiten möglicherweise verwehrt geblieben.

Ihre Geschichte zeigt, wie viel hinter einer vermeintlich normalen und erfolgreichen beruflichen Laufbahn verborgen bleiben kann. Und sie wirft eine wichtige Frage auf:

Wie viel müssen Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch organisieren, verbergen und aushalten, um beruflich nicht zurückzubleiben?

Niemand sollte sich zwischen dem Wunsch nach einer Familie und der eigenen beruflichen Entwicklung entscheiden müssen. Und niemand sollte das Gefühl haben, nach einem Verlust oder einem medizinischen Eingriff sofort wieder funktionieren zu müssen.

Kinderwunsch betrifft nicht nur Frauen

Wenn über Kinderwunschbehandlungen gesprochen wird, stehen häufig Frauen im Mittelpunkt. Sie tragen bei vielen Behandlungen einen großen Teil der körperlichen Belastung.

Doch auch Männer und Partner*innen erleben Unsicherheit, Enttäuschung, Ängste und organisatorische Herausforderungen.

Sie begleiten zu Untersuchungen, erhalten eigene Diagnosen, koordinieren Termine und versuchen gleichzeitig, im Berufsleben präsent zu bleiben.

Auch Menschen, die allein ein Kind bekommen möchten, und LGBTQ+-Personen können vor besonderen organisatorischen oder strukturellen Herausforderungen stehen.

Eine unterstützende Arbeitskultur muss deshalb unterschiedliche Lebensrealitäten berücksichtigen.

Was können Arbeitgeber konkret tun?

Es braucht nicht immer große Programme oder kostspielige Maßnahmen. Oft können bereits kleine Veränderungen einen entscheidenden Unterschied machen.

1. Flexibilität ermöglichen

Kurzfristige medizinische Termine lassen sich bei Kinderwunschbehandlungen nicht immer langfristig planen. Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice oder unkomplizierte Möglichkeiten zum Zeitausgleich können enorm entlasten.

2. Privatsphäre respektieren

Betroffene sollten Unterstützung erhalten können, ohne ihre Diagnose, Behandlung oder Familienplanung gegenüber Kolleg*innen offenlegen zu müssen.

3. Führungskräfte sensibilisieren

Ein verständnisvolles Gespräch kann viel bewirken. Dafür müssen Führungskräfte wissen, wie sie empathisch reagieren, Diskretion wahren und praktische Unterstützung anbieten können.

4. Klare Rahmenbedingungen schaffen

Unterstützung sollte nicht davon abhängen, ob jemand zufällig eine besonders verständnisvolle Führungskraft hat. Transparente, inklusive betriebliche Regelungen schaffen Verlässlichkeit und Fairness.

5. Berufliche Entwicklung weiterhin ermöglichen

Ein unerfüllter Kinderwunsch darf nicht automatisch mit eingeschränkter Verfügbarkeit, fehlendem Engagement oder geringeren Karriereambitionen gleichgesetzt werden. Beförderungen, Weiterbildungen und Entwicklungsmöglichkeiten sollten sich an Qualifikation und Leistung orientieren – nicht an Vermutungen über die private Familienplanung.

Unterstützung ist keine Sonderbehandlung

Ein Arbeitsplatz, der Menschen während einer Kinderwunschbehandlung unterstützt, bietet keine ungerechtfertigten Privilegien.

Er erkennt an, dass Beschäftigte unterschiedliche gesundheitliche und persönliche Herausforderungen erleben und zeitweise Flexibilität benötigen.

Davon profitieren auch Unternehmen: durch Vertrauen, Mitarbeiter*innenbindung und eine Arbeitskultur, in der Menschen nicht nur als Arbeitskräfte, sondern als Menschen wahrgenommen werden.

Niemand sollte zwischen dem Wunsch nach einer Familie und der eigenen beruflichen Zukunft wählen müssen.

Europaweit Erfahrungen sichtbar machen

Im Rahmen der European Fertility Week 2026 hat Fertility Europe die europaweite Umfrage „Infertility in the Workplace“ gestartet.

Sie richtet sich an Frauen und Männer, die während einer Kinderwunschdiagnostik, Kinderwunschbehandlung oder Fertilitätserhaltung berufstätig sind oder waren.

Die anonyme Befragung dauert etwa 10 bis 15 Minuten und ist in 21 Sprachen verfügbar, darunter Deutsch.

Die Ergebnisse sollen Patientinnenorganisationen und Gleichstellungsinitiativen dabei unterstützen, konkrete Verbesserungen mit Unternehmen, Interessenvertretungen und politischen Entscheidungsträgerinnen anzustoßen.

👉 Hier an der europäischen Umfrage auf Deutsch teilnehmen

Jede Erfahrung zählt – auch dann, wenn du an deinem Arbeitsplatz positive Unterstützung erlebt hast.

Deine Geschichte verdient Gehör

Auch wir von Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich möchten dieses Thema stärker sichtbar machen.

Deshalb suchen wir weitere persönliche Erfahrungen rund um Kinderwunsch und Beruf.

Hast du dich bei deiner Kinderwunschbehandlung von deinem Arbeitgeber unterstützt gefühlt? Musstest du Termine verheimlichen oder Urlaubstage opfern? Hast du Verständnis erlebt oder dir mehr Rücksichtnahme gewünscht?

Vielleicht gab es auch eine kleine Geste, die für dich einen großen Unterschied gemacht hat.

Wir möchten zuhören und Erfahrungen sichtbar machen, positive genauso wie herausfordernde.

Schreib uns an info@diefruchtbar.at. Wenn du deine Geschichte öffentlich teilen möchtest, besprechen wir selbstverständlich vorher mit dir, in welcher Form das geschehen darf.

Denn Veränderung beginnt dort, wo wir sichtbar machen, was bisher oft im Verborgenen bleibt.

Kinderwunsch ist privat. Faire berufliche Chancen und ein unterstützendes Arbeitsumfeld gehen uns alle an.


Dieser Beitrag erscheint anlässlich der European Fertility Week 2026 (2.–8. November) unter dem Motto „Double Duty – Fertility@Work“.

Weiterführende Informationen: