Kinderwunsch im Fokus des Parlaments: Niedrige Geburtenraten und fehlender Kinderwunsch junger Erwachsener
Ein Bericht und Kommentar von Karin über die Veranstaltung „Kinderwunsch – zwischen Realität, Gesetz und Herausforderungen“ am 17. September 2025 im Palais Epstein.
Am 17. September 2025 lud die parlamentarische Gruppe #parlaandsex zur Feier ihres 25-jährigen Bestehens ins Palais Epstein. Unter dem Titel „Kinderwunsch – zwischen Realität, Gesetz und Herausforderungen“ stand die Veranstaltung im Zeichen aktueller gesellschaftlicher, rechtlicher und medizinischer Entwicklungen rund um das Thema Kinderwunsch. Christina Fadler war als Obfrau des Vereins ebenfalls aufs Podium geladen.
Organisiert wurde der Abend von der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF), die in ihrer täglichen Arbeit vor allem Frauen mit geringem Einkommen zu Themen wie Verhütung und Schwangerschaftsabbruch berät. Österreich sieht sich jedoch mit einer umfassenderen Herausforderung konfrontiert: Die Geburtenrate liegt seit Jahren deutlich unter dem Niveau, das für die Erhaltung der Bevölkerungszahl notwendig wäre.
Fachliche Beiträge und Perspektiven
Nach der Eröffnung durch Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner, BSc, und einem Überblick über die Geschichte der #parlaandsex-Gruppe folgten vier Fachvorträge:
- Der erste Vortragende, Jan Kreutzberg, MBA, MP (Büro der UNFPA), berichtete aus dem aktuellen Bericht des United Nations Population Fund mit dem Titel „The Real Fertility Crisis“. Er unterstreicht, dass das zentrale Problem beim Thema Kinderwunsch nicht ein Mangel an Wunsch ist, sondern fehlende reproduktive Handlungsfreiheit: Viele Menschen wollen Kinder oder mehr Kinder, sehen sich jedoch durch finanzielle Belastungen, unsichere Lebensverhältnisse, Mangel an Partner*innen oder fehlenden Unterstützungsstrukturen daran gehindert. Im Kontext Kinderwunsch bedeutet das: Es geht nicht nur darum, ob Kinder geboren werden, sondern ob Menschen die Bedingungen haben, die Familie zu gründen, die sie gerne hätten. Doch die meisten Menschen haben hier keine echte Wahl- und Handlungsmöglichkeit. LINK ZUM BERICHT: https://www.unfpa.org/press/unfpa-report-links-falling-birth-rates-cost-living-sexist-norms-fear-future
- Die Demografin DI Mag. Dr. Isabella Buber‑Ennser vom Vienna Institute of Demography (VID) der Österreichische Akademie der Wissenschaften forscht u. a. intensiv zu Fragen rund um den Kinderwunsch und dessen Realisierung. Die Forschung zeigt, dass Kinderwunsch nicht einfach gleich Kinderzahl ist: Es gibt eine Lücke zwischen dem, was Menschen sich wünschen, und dem, was sie realisieren können. Die Bedingungen – etwa wirtschaftlich oder im Berufsleben – haben großen Einfluss darauf, ob Kinderwünsche wahr werden oder nicht.
- Dr. Mirijam Hall, Gynäkologin und Präsidentin der ÖGF, präsentierte medizinische Gründe für ungewollte Kinderlosigkeit
- MMag. Christina Fadler, Obfrau des Vereins Die Fruchtbar – Kinderwunsch Österreich, schloss mit einem Beitrag aus Patient*innensicht und schilderte die strukturellen und persönlichen Herausforderungen betroffener Paare und Einzelpersonen.
Ernüchternde Zahlen
Wie Dr. Hall aufzeigte, wären für den Erhalt der Bevölkerungszahl durchschnittlich 2,1 Kinder pro Frau notwendig. Tatsächlich wünschen sich Frauen in Österreich im Durchschnitt 1,68 Kinder, realisiert werden jedoch nur 1,31. Trotz vielfältiger Erklärungsansätze herrschte weitgehend Ratlosigkeit darüber, wie die Entwicklung umgekehrt werden könnte – ein gesetzlicher „Zwang zur Elternschaft“ ist selbstverständlich keine Option. Schätzungen zufolge werden rund 25 % der Millennials kinderlos bleiben.
Als Betroffene, die ungewollt kinderlos geblieben ist, habe ich natürlich durchaus Ideen, wie man es Frauen erleichtern könnte, Kinder zu bekommen.
Soziale Rahmenbedingungen
Zunächst wäre es aus meiner Sicht vor allem wichtig, endlich für eine echte Gleichstellung im Sinne einer Chancengleichheit unabhängig vom Geschlecht zu sorgen.
Nach wie vor geraten junge Mütter – trotz eigener Berufstätigkeit – in eine massive Abhängigkeit von den Vätern ihrer Kinder, sei es aus finanziellen, aus sozialen oder aus gesetzlichen Gründen. Dies auch deshalb, weil Single-Behandlungen in österreichischen IVF-Kliniken nach wie vor verboten sind.
Auch die gesellschaftlichen Erwartungen an Väter haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Ich halte es für völlig verständlich, dass viele junge Männer an den an sie gestellten, oft genug widersprüchlichen, Rollenerwartungen verzweifeln und unter den gegebenen Umständen lieber auf Kinder verzichten.
Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. So lautet ein bekanntes Sprichwort. Früher spielten erweiterte Familien- und Sozialstrukturen – etwa Patentanten, Patenonkel, der „Oheim“ oder auch Nachbarn – eine wichtige Rolle in der Kindererziehung.
Leider fokussiert die Gesetzgebung aktuell ausschließlich auf die patriarchale Kernfamilie.
Ein modernes Konzept von Unterstützungsgemeinschaften, die rechtlich abgesichert Verantwortung in Form von finanziellen oder sozialen Verpflichtungen übernehmen können, wäre eine große Hilfe, um für Kinder ein Netz aus verlässlichen Bezugspersonen aufzubauen. Sie könnten, wenn nicht von Natur aus bereits ausreichend unterstützende Verwandtschaft vorhanden ist, beispielsweise auch Freunde, Nachbarn oder andere Freiwillige umfassen. Diese sollten unter bestimmten Voraussetzungen beispielsweise auch Pflegeurlaub nehmen können.
Über das Konzept der Unterstützungsgemeinschaft könnte auch der Vater in der derzeit rechtlich nur ihm persönlich zuordenbaren Rolle entlastet werden. Männliche Bezugspersonen sind für Kinder sehr wichtig, was von einer Mutter bei der konkreten Aufgabenverteilung natürlich zu beachten ist. Dafür kommen auch Mitarbeiter von Krabbelstuben und Kindergärten in Frage, Männer sollten sich aber auch im familiären Kontext außerhalb einer Vaterrolle stärker an der Care-Arbeit beteiligen.
Das „Problem“ einer Schwangerschaft oder des Kinderwunsches gibt es natürlich auch am Arbeitsplatz. Damit Frauen nicht weiterhin aufgrund des Geschlechts benachteiligt werden, versteht es sich auch von selbst, dass die Arbeitgeber keinerlei Nachteile mehr treffen sollten, wie sie beispielsweise aufgrund von häufigeren Krankenständen oder Beschäftigungsverboten während der Schwangerschaft entstehen. Offiziell darf niemand aufgrund des Geschlechts beruflich benachteiligt werden. Aber solange den Arbeitgebern aufgrund von Schwangerschaft und Mutterschaft ihrer Angestellten Nachteile erwachsen, ist es nur natürlich, dass Personen, denen eine Schwangerschaft grundsätzlich zugetraut wird, in der Privatwirtschaft von vornherein benachteiligt sind. Sie finden schwerer eine Stelle, werden für die gleiche Arbeit geringer bezahlt oder haben auch ein höheres Risiko, unter einem Vorwand gekündigt zu werden.
Frauen in Kinderwunschbehandlung sind derzeit nicht kündigungsgeschützt, und für die von den Fertilitätskliniken jeweils sehr kurzfristig festgelegten Termine gibt es auch keinen Krankenstand.
Information und Aufklärung
Auch wenn Dr. Hall in ihrem Vortrag schilderte, dass sie manchen Paaren schon mit dem Hinweis helfen konnte, dass etwas häufigerer Geschlechtsverkehr notwendig wäre, liegt das Problem im Normalfall definitiv nicht beim Thema mit den Bienen und den Blumen.
Darüber werden Kinder im Alter von etwa 10 Jahren bereits in der Schule aufgeklärt. Dabei geht es aber natürlich vor allem darum, Teenagerschwangerschaften zu verhindern. Den Mädchen wird also vermittelt, dass sie auf gar keinen Fall schwanger werden dürfen. Sie würden sich ihre Zukunft, ja ihr ganzes Leben ruinieren.
Verhütung bleibt oft über Jahrzehnte das wichtigste Thema, und zum entsprechenden Zeitpunkt fehlt es an Information über die biologischen Grenzen der Fruchtbarkeit und die aktuellen medizinischen Möglichkeiten.
Sinnvoll wäre daher eine ausführliche fertilitätsmedizinische Vorsorgeuntersuchung und Aufklärung für kinderlose Personen zwischen 25 und 30 Jahren – inklusive Hormonstatus bzw. Spermiogramm.
Eine unabhängige und detaillierte Information über Kosten, zeitlichen Aufwand, gesundheitliche Risiken, Erfolgsquoten und die aktuellen gesetzlichen Einschränkungen in der Reproduktionsmedizin würde dazu führen, dass Frauen rechtzeitig wüssten:
- dass auch künstliche Befruchtung ein höheres Lebensalter nicht ausgleichen kann.
- dass die Erfolgsaussichten künstlicher Befruchtung begrenzt sind und sie mit gesundheitlichen Risiken und hohen Kosten verbunden ist.
- dass es gesetzliche Einschränkungen gibt und unter Umständen alle Behandlungen, die Ärzte für aussichtsreich halten, in Österreich verboten sind.
- dass es bei Samen-, Eizell- bzw. Embryospenden und Präimplantationsdiagnostik nicht darum geht, ein perfektes Designer-Baby zu bekommen, sondern überhaupt ein Kind, das eine Chance hat, die Schwangerschaft zu überleben.
- dass die Fruchtbarkeit bei Männern in den letzten Jahrzenten generell massiv abgenommen hat und auch deshalb damit gerechnet werden muss, dass ein Wunschkind auf sich warten lassen wird.
Ich finde auch: Rechtzeitig vor dem Alter, ab dem Eizellen gesetzlich nicht mehr für gut genug befunden werden, um sie noch anderen Frauen spenden zu dürfen, sollte diese Tatsache jeder kinderlosen Frau nachweislich zur Kenntnis gebracht werden.
Aktuell liegt diese Grenze bei 30 Jahren, und es ist ein harter Schlag, erst im Nachhinein zu erfahren, dass die Embryonen, für deren Gewinnung man als Frau so viel auf sich nehmen musste, nicht einmal verschenkt werden dürfen. Aus Fertilitätsbehandlungen übriggebliebene Embryonen müssen in der Regel aufgrund von rechtlichen Bestimmungen vernichtet werden.
Es ist zu begrüßen, dass Social Freezing auch in Österreich erlaubt werden soll. Zu beachten ist jedoch, dass einerseits unbefruchtete Eizellen viel geringere Überlebenschancen haben als Embryonen, andererseits natürlich auch die Gebärmutter selbst einem Alterungsprozess unterliegt. Oft wachsen Myome, die dafür sorgen, dass es etwa 2-3 Mal so unwahrscheinlich ist, dass eine Schwangerschaft eintritt, und mit fortgeschrittenem Alter gilt eine Schwangerschaft nicht umsonst automatisch als Risikoschwangerschaft. Deshalb sollten Frauen auch mit kryokonservierten Eizellen definitiv lieber früher als später mit der Realisierung ihres Kinderwunsches starten.
Medizinische Unterstützung
Das in der Europäischen Menschenrechtskonvention verankerte Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper umfasst auch das Recht auf medizinische Beratung und Behandlung nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft.
Doch egal ob es sich um einen Schwangerschaftsabbruch oder eine künstliche Befruchtung handelt: In der gesellschaftlichen Diskussion dominieren moralische Bewertungen über die Köpfe der Betroffenen hinweg, die mit dem grundlegenden Bedürfnis, über ihren Körper, ihr Leben und ihre Zukunft selbst zu bestimmen, in die Illegalität gedrängt werden.
Es ist unbestritten, dass Kinder, die gewollt und aus Überzeugung geboren werden, bessere Startbedingungen haben. Dennoch wird sogar in ansonsten durchaus fortschrittlichen und technik-affinen Kulturen von Frauen offenbar nach wie vor erwartet, sich einfach in ein angebliches Schicksal zu fügen, statt mit medizinischen Behandlungen Einfluss darauf zu nehmen.
Dementsprechend ist die Reproduktionsmedizin gesetzlich streng reglementiert und die Bestimmungen unterscheiden sich von Land zu Land erheblich – ein klares Zeichen auch dafür, dass es keine allgemeingültige moralische Wahrheit geben kann.
Aus meiner Sicht sollten natürlich die Betroffenen jeweils selbst und entsprechend ihrer eigenen moralischen Überzeugungen entscheiden können. Die restriktive Gesetzeslage zwingt jedoch zu persönlichen Kompromissen.
Eine große Belastung sind auch die enormen Behandlungskosten. In anderen Bereichen der Medizin werden auf Kosten der Allgemeinheit Unsummen eingesetzt, um ein bereits schwer geschädigtes Leben vielleicht noch um wenige Monate zu verlängern. Die Kosten für reproduktionsmedizinische Maßnahmen hingegen werden derzeit größtenteils den betroffenen Frauen als Privatleistung in Rechnung gestellt.
Vielleicht liegt das auch am grob verharmlosenden Begriff „Kinderwunsch“, der im Zusammenhang mit Reproduktionsmedizin definitiv falsch ist.
Es geht um keinen Wunsch, sondern um sich ständig wiederholende Schwangerschaftsverluste. Für mich als betroffene KIWU-Patientin starb monatlich mit dem Einsetzen der Blutung bzw. nach jedem erfolglosen Embryotransfer ein mögliches Familienmitglied, und jeder ungenutzte Zyklus verringerte die Chancen, dass es ein anderer Embryo noch schaffen könnte.
Es geht um Leerstellen im sozialen Gefüge. Können sie nicht gefüllt werden, hat das nicht nur persönliche Konsequenzen für die Betroffenen, sondern natürlich auch für die Gesellschaft insgesamt.
Junge Menschen, die das soziale und wirtschaftliche System tragen sollen, werden zunehmend weniger. Zuwanderung kann diesen Mangel derzeit nur teilweise ausgleichen – zugleich fehlen diese Arbeitskräfte in ihren Herkunftsländern, während die Integration hier mit sprachlichen und kulturellen Hürden verbunden ist.
Niedrige Geburtenraten sind jedenfalls nicht nur Ausdruck individueller Schicksale, sondern auch der gesellschaftlichen Prioritäten. In einer Umgebung, in der Kinder willkommen sind, würden ungewollt Kinderlose vollste Unterstützung erhalten.
Es benötigt dringend bessere Rahmenbedingungen für Mutterschaft, insbesondere für gut ausgebildete Frauen, die – wie Dr. Hall betonte – bei einer Schwangerschaft oft höhere berufliche und wirtschaftliche Einbußen hinnehmen müssen. Eine Gesellschaft, die Kinder will, muss auch jene unterstützen, die sie bekommen möchten.


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