Eileiterschwangerschaft: Zwischen Fehlgeburt und Abtreibung

Gastbeitrag
Kategorie(n):
16/08/2022

Hallo liebe Kiwu Community! Hallo liebe Alle!

Ich möchte euch in diesem Blogbeitrag Eileiterschwangerschaften näher erklären. Gerade in Zeiten wie diesen, wo wir aus den USA mitbekommen, wie mit der Selbstbestimmung der Frau und ihrem Körper umgegangen wird, freue ich mich, dass ich bei der Fruchtbar auch diesem Thema etwas mehr Licht schenken darf. Dazu kommt, dass ich selber zweimal eine Eileiterschwangerschaft durchleben musste.

Statistisch gesehen sagt man, dass eine von 80 Schwangerschaften eine Eileiterschwangerschaft ist. In ganz Österreich gibt es laut Statistik Austria in den letzten fünf Jahren etwa rund 1.500 Eileiterschwangerschaften pro Jahr, die alle früh genug erkannt wurden – keine Frau musste daran sterben.

Was ist eine Eileiterschwangerschaft und warum können Frauen daran sterben?

Bei einer Eileiterschwangerschaft setzt sich die Blastozyste (das befruchtete Ei) im Eileiter fest und fängt schon dort an zu wachsen. Die Eileiter sind zwei verlängerte, sehr agile Kanäle am oberen Ende der Gebärmutter. Sie haben in etwa die Dicke einer weich gekochten Spaghetti- oder Udong-Nudel und eine Länge von etwa 10–15 cm mit zerfransten Ärmchen am oberen Ende. Ihre Aufgabe ist es eigentlich, sich das aus dem Eierstock gesprungene Ei quasi zu schnappen und behutsam in den Uterus zu transportieren. Die Eileiter bestehen allerdings nicht aus einem so dehnbaren Gewebe wie die Gebärmutter. Wenn sich der Embryo also im Eileiter einnistet und hier weiter wächst, würde der Eileiter über kurz oder lang zerreißen, damit zum inneren Verbluten der Mutter und letztendlich zum Tod des Kindes sowie der Mutter führen. Ein operativer Abbruch der Schwangerschaft ist daher in den meisten Fällen unausweichlich. Eine Umplatzierung der Embryos in den Uterus ist nach heutigem Stand der Medizin nicht möglich. Abhängig vom Fortschritt der Schwangerschaft muss in manchen Fällen auch der Eileiter mit entfernt werden, zum Beispiel wenn dieser schon gerissen ist und somit seiner Funktion nicht mehr nachkommen kann.

Wie merkt frau, dass es sich um eine Eileiterschwangerschaft handelt?

Anfangs natürlich noch gar nicht. Die Regel bleibt aus wie bei jeder anderen Schwangerschaft. Vielleicht gibt es leichtes Spotting, vielleicht auch nicht, ansonsten hat frau die üblichen Symptome wie eine gespannte Brust, geschwächter Kreislauf, leichte Übelkeit etc. Es gibt auch Fälle, in denen die Regel nicht ausbleibt.

Wenn eine Schwangerschaft geplant ist bzw. erwartet wird, sucht die Gynäkologin oder der Gynäkologe per Ultraschall nach dem Dottersack in der Gebärmutter. Ist dieser nicht zu sehen, kann das ein Hinweis auf eine Eileiterschwangerschaft sein.

Wenn der HCG-Spiegel, also der Wert des Schwangerschaftshormons, der auch beim Schwangerschaftstest angezeigt wird, niedrig ist, kann es sein, dass die Ärztin oder der Arzt die Schwangerschaft als beendet deklariert und einen nach Hause schickt – in der Annahme, dass die Blastozyste wieder abgegangen ist oder in den nächsten Tagen abgehen wird. Es heißt, jede vierte Schwangerschaft ist eine Fehlgeburt, viele davon in einem frühen Stadium. Es kommt vor, dass die Blastozyste zwar schon wieder abgebaut wird, aber im Eileiter stecken bleibt und nicht abgehen kann. Dies kann erst wieder zu Komplikationen führen, und nach langem Hin und Her, Hoffnung und Trauer, muss doch operativ eingegriffen werden.

Wenn der HCG-Spiegel hoch ist und dadurch eindeutig auf eine fortschreitende Schwangerschaft hinweist, ist den Ärzten bzw. Ärztinnen meist recht schnell klar, was bevorsteht: Notoperation.

Wenn die Schwangerschaft nicht geplant ist und man auch sonst keine anfänglichen Symptome einer Schwangerschaft bemerkt, fängt es irgendwann im Leistenbereich zu schmerzen an, was viele zunächst wiederum eher mit einer Blinddarmentzündung assoziieren. Weitere Symptome wären dann das Auftreten von Blut im Urin oder Schmerzen im Schulterbereich. Dies deutet darauf hin, dass sich schon einiges Blut im Bauch gesammelt hat und höchste Eile geboten ist.

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Was sind die Ursachen einer Eileiterschwangerschaft?

Eine klare Ursache für eine Eileiterschwangerschaft gibt es nicht, dafür viel Mutmaßungen und Mythen. Endometriose in den Eileitern oder eine übergangene Chlamydieninfektion könnten eine Eileiterschwangerschaft begünstigen. Die klassischen Sorgen, man habe vielleicht im falschen Moment zu schwer gehoben oder hätte sich vielleicht doch nicht auf das Rad schwingen sollen, sind typische, aber unbegründete Vorwürfe, mit denen sich dann Betroffene oft quälen. Letztendlich bleibt es in den meisten Fällen so unerklärlich wie viele andere Arten der Fehlgeburten auch. Was leider genauso wenig Befriedigung bringt.

The aftermath …

Eine Eileiterschwangerschaft wird in den meisten Fällen via Laparoskopie entfernt. Bei diesem Eingriff werden bei Vollnarkose 3–4 kleine Schnitte in den Bauch gemacht. Einer beim Nabel, durch den der Bauch mit Gas aufgebläht und eine leichtere Sicht auf die Innereien ermöglicht wird. Durch zwei weitere kleine Einschnitte im linken und rechten Leistenbereich werden das Schneidewerkzeug und die Kamera eingeführt, und je nachdem, wie groß der Embryo schon ist, wird ein vierter Schnitt in Bereich des Schambeines gemacht, durch den der Embryo und eventuell auch der Eileiter entnommen werden.

Der Verlust eines Eileiters stellt im Prinzip keine große Einschränkung dar, wieder schwanger zu werden. Der verbleibende Eileiter übernimmt einfach die Funktion, sich das Ei von beiden Eierstöcken zu holen.

Die körperliche Genesung erfolgt nach so einem Eingriff recht schnell. Im Prinzip kann man nach 1–2 Tagen schon wieder entlassen werden und auf eigenen Beinen das Krankenhaus verlassen.

Die Folgewirkungen des emotionalen Stresses (i.e. die hormonelle Achterbahnfahrt von Adrenalin, Oxytozin, Serotonin etc.) sind allerdings von der medizinischen Nachversorgung ausgeklammert.

Über das emotionale Trauma, den Verlust und den inneren Konflikt, dass man selbst überlebt hat, aber das eigene Kind nicht, darüber wird kaum gesprochen, und in der Regel werden die betroffenen Frauen völlig allein gelassen.

Endosofical

Über das emotionale Trauma, den Verlust und den inneren Konflikt, dass man selbst überlebt hat, aber das eigene Kind nicht, darüber wird kaum gesprochen, und in der Regel werden die betroffenen Frauen völlig allein gelassen.

Als Mutter bzw. Elternteil würde man oft, ohne einen Augenblick zu zögern, das Leben seines Kindes mit dem eigenen Leben schützen. Was aber, wenn es das Leben des Kindes ist, das das eigene Leben bedroht? Wir haben es also mit Gefühlen zu tun, die einer Fehlgeburt gleichkommen: Der Embryo war im Bauch nicht überlebensfähig, man muss sich von einer ganzen gemeinsamen Zukunft verabschieden. Gleichzeitig fühlt es sich durch den operativen Eingriff auch wie eine Abtreibung an: Ich entscheide mich bewusst gegen die Schwangerschaft. Dazu kommt aber jetzt noch, dass es sich um eine ernstzunehmende lebensbedrohliche Situation handelt.

Zwischen meinen beiden Eileiterschwangerschaften liegen etwa 15 Jahre. In beiden Fällen musste jeweils der Eileiter entfernt werden. Während ich nach der ersten Eileiterschwangerschaft immer noch die Hoffnung in mir getragen hatte, einmal doch noch spontan schwanger zu werden, war mit meiner zweiten Eileiterschwangerschaft auch diese Hoffnung endgültig gestorben. Technisch gesehen bin ich somit sterilisiert. Ich war also ganz plötzlich nicht nur mit der Trauer um das Kind, der Schuld des unausweichlichen Abbruchs  und der schieren Angst, nicht zu überleben, konfrontiert, sondern auch mit einem komplett neuen Verständnis meiner reduzierten weiblichen Kraft.

Um mich da wieder rauszuziehen, habe ich angefangen zu sticken und das Projekt endosofical ins Leben gerufen. Durch das Eintauchen in die Räume der Kunst und des Handwerks habe ich für mich in dem Prozess des Stickens eine kathartische Tätigkeit gefunden, bei der einerseits das Fabrikat aus weichem Stoff mich zur Akzeptanz und zur Versöhnung mit mir und dem Erlebten führt und andererseits der gelegentliche versehentliche Stich in die Fingerkuppen auch die achtlosen Kommentare oder fehlende Anteilnahme aus der Gesellschaft und den stechenden Schmerz des Verlustes widerspiegelt.

Endosofical
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Da kann frau schon mal in ein tiefes, dunkles Loch fallen, in das einem keiner folgen will oder kann. Um mich da wieder rauszuziehen, habe ich angefangen zu sticken und das Projekt endosofical ins Leben gerufen. Durch das Eintauchen in die Räume der Kunst und des Handwerks habe ich für mich in dem Prozess des Stickens eine kathartische Tätigkeit gefunden, bei der einerseits das Fabrikat aus weichem Stoff mich zur Akzeptanz und zur Versöhnung mit mir und dem Erlebten führt und andererseits der gelegentliche versehentliche Stich in die Fingerkuppen auch die achtlosen Kommentare oder fehlende Anteilnahme aus der Gesellschaft und den stechenden Schmerz des Verlustes widerspiegelt.

Mit der Fruchtbar habe ich zusätzlich ein Netzwerk gefunden, in dem auch für dieses Tabu Platz gemacht wird. Auch wenn jede alleine in ihrem Körper steckt, muss keine von uns mit dem Erlebten alleine feststecken. Oft reicht es schon, Gehör und Bestätigung für das Erlebte und/oder eine herzlich gemeinte Umarmung zu erfahren. Dafür braucht es aber sowohl Mut und Stärke als auch Empathie und Einfühlungsvermögen, denn diese Geschichten sind kein Honigschlecken und nicht mit einem Mal abgearbeitet.

Wenn du auch von einer Eileiterschwangerschaft betroffen bist und deine Erfahrungen teilen möchtest melde dich bei uns!


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